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Krankheit als Schwelle

Krankheit als Spiegel saturnischer Kräfte

Gesundheit als höchstes Gut

Gesundheit ist für viele Menschen das höchste Gut. Wir wünschen uns Wohlbefinden und hoffen, möglichst viele Jahre ohne Krankheiten und körperliches Leiden zu leben. Und doch bleibt es für die meisten von uns nicht aus, früher oder später Bekanntschaft mit einer Krankheit zu machen. Spätestens dann, wenn die erste Grippe vor der Tür steht und wir mit der schmerzvollen Wahrheit konfrontiert werden, dass sich unser Körper unserem Wunsch nach absoluter Unversehrtheit entzieht. Tja – das Leben scheint manchmal andere Pläne zu haben.

So kann es passieren, dass wir trotz grösster Bemühungen, möglichst gesund zu leben, von einer Krankheit heimgesucht werden. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist wichtig, unsere Gesundheit sowie unsere Selbstheilungskräfte aktiv zu stärken. Und doch liegt nicht alles in unserer Hand. Manchmal kann es sein, dass wir trotz aller Selbstfürsorge mit einer Krankheit – manchmal sogar einer schweren – konfrontiert werden.

Unser Gesundheitssystem ist darauf ausgerichtet, Krankheit abzuwenden. Jährlich fliesst viel Geld in die Bekämpfung von Krankheiten. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht zu sehr auf die Agenda der pharmazeutischen Industrie und des Gesundheitswesens eingehen. Das tun bereits viele andere mutige Menschen mit dem notwendigen Fach- und Hintergrundwissen, wie zum Beispiel der leider viel zu früh verstorbene Biologe Clemens Arvay. So viel sei gesagt: Diese Angelegenheit ist nicht Schwarz-Weiss, und der medizinische Fortschritt ist für viele Menschen ein grosser Segen. Man denke etwa an die Behandlung von Frakturen und Knochenbrüchen nach Unfällen oder an Medikamente wie Insulin, die das Leben vieler Menschen mit Typ-1-Diabetes verlängern. Ich weiss, wovon ich spreche, denn als Typ-1-Diabetikerin wäre ich ohne Insulin wahrscheinlich bereits in jungen Jahren verstorben.

Dennoch ist in den letzten Jahren ein Trend entstanden, der Krankheiten den Kampf ansagt, als wären sie unser grösster Feind. Doch sind sie das? Ich behaupte: nein. Das Verhältnis zu Krankheiten ist komplexer und vielschichtiger. Um Krankheiten zu verstehen, brauchen wir Geduld und die Bereitschaft zuzuhören.

Die Bedeutung von Krankheit

Die Frage nach der Bedeutung von Krankheiten kam in einer Sitzung mit einer wunderbaren Klientin mit der Autoimmunerkrankung Zöliakie auf. Die Klientin wünschte sich, einen bewussteren und vertrauensvolleren Umgang mit ihrer Krankheit zu entwickeln. In einer Sitzung sprachen wir darüber, dass es für viele Aussenstehende selbstverständlich sei, die Krankheit wieder loswerden zu wollen. Doch die Klientin bemerkte, dass sie diesen Wunsch eigentlich gar nicht hegte.

Ich konnte mich mit diesem Gedanken sehr verbinden, denn auch ich hatte nie das Bedürfnis, von meinem Typ-1-Diabetes geheilt zu werden, obwohl Menschen in meinem Umfeld immer wieder versuchten, mich dazu anzuspornen, Heilung zu finden. Doch was wäre, wenn Krankheiten eine Art Lehrmeisterinnen sein könnten und ihr Dasein eine wichtige Botschaft oder Lektion für uns bereithielte?

Der Arzt Paracelsus, eine bedeutende Persönlichkeit der Medizingeschichte (1493–1541), teilte Krankheiten in unterschiedliche Gruppen ein. Nebst den „heilbaren“ Krankheiten definierte er auch eine Kategorie für Krankheiten, denen ein spiritueller Ursprung zugrunde liegt. Er nannte diese Kategorie „Ens Dei“ (Rippe, S. 31). In dieser Gruppe befinden sich Krankheiten, die uns mit den grossen existenziellen Fragen konfrontieren und uns auffordern, über uns selbst und die Zusammenhänge des Lebens zu lernen.

Krankheit als saturnische Einweihung

Es sind saturnische Krankheiten, die uns eine Grenze im Körperlichen signalisieren und uns ermöglichen, über diese Schwelle zu treten, indem wir lernen, bewusst mit diesen Grenzen umzugehen. Doch ganz im saturnischen Sinne ist dieser Schritt kein Zuckerschlecken, sondern voller Herausforderungen.

In schamanischen Traditionen wurden solche Krankheiten auch als Einweihungskrankheiten verstanden, die Betroffene in die Geheimnisse des Lebens und der Heilung einweihten (Storl, 2015). Für Schamaninnen, Schamanen und Heiler galt es als unabdingbar, eine solche Initiationskrankheit zu erleben. Sie musste im wahrsten Sinne des Wortes durchlebt werden, denn durch sie wurde das Bewusstsein erweitert und die Menschen kamen in Berührung mit ihren innewohnenden Heilkräften.

Krankheit als Gefährtin

Manche Krankheiten bleiben ein Leben lang treue Gefährtinnen, weil sie zum Weg eines Menschen dazugehören. In der tibetischen Medizin werden solche Krankheiten als karmische Krankheiten verstanden. Anstatt sich darin zu erschöpfen, die Krankheit zu bekämpfen – was einem Kampf gegen Windmühlen gleichen würde –, geht es vielmehr darum zu lernen, mit der Krankheit ein gutes Leben zu führen (Ploberger, 2012).

Aktivierung von Heilungskräften

Manche Krankheiten fordern uns jedoch dazu auf, sie zu überwinden. In der Tat scheint ihre Aufgabe darin zu bestehen, uns mit unseren Selbstheilungskräften zu verbinden. Berichte über (Spontan)Heilungen oder einem Verlauf entgegen einer schlechten Prognosen von Menschen mit schweren Erkrankungen sind ein eindrückliches Beispiel.

Ganz gleich, ob es darum geht, mit einer Krankheit zu leben oder sie zu überwinden – die Verbindung zu den eigenen Selbstheilungskräften ist immer eine wichtige Aufgabe. Allein schon deshalb, weil unser Körper täglich mit Eindringlingen wie Viren oder Toxinen konfrontiert ist.

Welchen Weg gehen?

Um herauszufinden, welchen Weg wir mit einer Krankheit einschlagen sollen, braucht es ein genaues Hinhören – besonders ein Hören mit dem Herzen. Denn wenn wir in die Stille gehen, können wir vielleicht wahrnehmen, welchen Auftrag diese Krankheit für uns bereithält.

Leider ist diese Art von Ansatz in unserem Gesundheitssystem noch immer die Ausnahme. Noch zu wenige Ärztinnen und Ärzte geben ihren Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, mit ihrer Krankheit in einen Dialog zu treten. Zu hoch ist oft der finanzielle Druck in Krankenhäusern und Spitälern. Daher ist es verständlich, dass viele Menschen Unterstützung und Antworten auch in alternativen Heilmethoden und Therapieansätzen suchen. Doch Schulmedizin und alternative Heilmethoden müssen sich nicht zwangsläufig ausschliessen.

Hoffnung

Veranstaltungen wie der Kongress für integrative Medizin oder die Arbeit des Vereins Gesundheit aktiv lassen weiterhin auf eine Medizin hoffen, die die Seelenreise des Menschen stärker in den Mittelpunkt stellt.

///An dieser Stelle danke ich meiner wunderbaren Klientin, deren Scharfsinn und Tiefgang diesen Artikel inspiriert haben.///

Quellen:

Storl, Wolf-Dieter (2015). Ur-Medizin. Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde. AT Verlag.

Ploberger, F. (2012). Die Grundlagen der Tibetischen Medizin, eine Übersetzung des Werkes “Fundamentals of Tibetan Medicine” der Men-Tsee-Khang Publications, 2. Auflage, Schiedlberg: Bacopa.

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