Zum Hauptinhalt springen

Der Zauber der Wintersonnenwende und die Kraft der Urbilder

Die nährende Kraft der Urbilder für unsere Seele

Unsere Seele lebt von Bildern, wie wir sie aus Märchen und Mythen, aus der Natur und ihren Kreisläufen kennen. Es sind Bilder, die jenseits unseres Verstandes wirken und ihren Zauber entfalten.

In den Tiefen unserer Seele lässt sich ihr Zauberfunken nieder, der dort sein Feuer entfacht und den wir in den leuchtenden Augen eines Gegenübers wiederfinden können. Und so springt der Funke von Auge zu Auge, von Herz zu Herz.

Es sind die Urbilder, die unser Herz und unsere Seele seit Anbeginn der Zeit kennen und die uns in Märchen und alten Traditionen immer wieder begegnen und unsere Seele, auf eine manchmal unerklärliche Art und Weise, berühren.

Verstummen diese Seelenbilder, so verdunkelt sich auch unser Lebensweg. Denn diese Bilder wärmen unsere Seele und verbinden uns mit einem Zauber, eine Art von Urkraft, denen wir auch in den Naturkreisläufen und den Naturfesten, wie der Wintersonnenwende, begegnen können. 

Der Zauber der dunklen Wintersonnenwende

Der dunklen Wintersonnenwende steht gegenüber die lichtvolle Sommersonnenwende, die uns den längsten Sonnentag des Jahres beschert. Während wir in den Tagen der Sommersonnenwende ganz in die Lichtkraft der Sonne eintauchen, sind wir in den Tagen der Wintersonnenwende in den Mantel der Dunkelheit gehüllt. Die Sonne lässt sich für nur ein paar Stunden blicken. Ihre Abwesenheit im Außen lädt uns dazu ein, ihre Kraft in unserem Innersten zu finden und dort den Seelenfunken zu entfachen.

Unsere Vorfahren glaubten, dass in den Tagen der Wintersonnenwende der Schleier zwischen der irdischen und der geistigen Welt dünner wird. Die dunklen Tage sind lang und still und wir sind eingeladen, ganz achtsam in diese Stille zu gehen und den Botschaften aus der “anderen Welt” zu lauschen.

Geburt des Sonnenkindes

Ihren Tief- oder Höhepunkt findet die dunkle Jahreszeit in der Wintersonnenwende, dem dunkelsten Tag des Jahres, an dem das Licht die Dunkelheit küsst. Es ist die Wiedergeburt des Lichtes, des Sonnenkindes, welches am Fuße der drei Wurzeln des Weltenbaumes geboren wird und im Laufe des Jahres langsam emporsteigt, bis es genau ein halbes Jahr später über der Krone des Weltenbaumes schwebt und am Tage der Sommersonnenwende seine volle Kraft entfaltet.

Auch wenn die Erinnerungen an den Weltenbaum der Germanen, auch Yggdrasil genannt, im Laufe der Zeit verblasst ist, begegnen wir diesem Urbild auch heute noch in der Form des Weihnachtsbaumes, der uns auf diese Art und Weise mit dem Urbild des Weltenbaumes verbindet.

Die wilde Percht und der Zug der Frau Holle

Doch bevor das Sonnenkind am Fusse der Wurzeln des Weltenbaumes Yggdrasil geboren werden kann, muss der Zug der wilden Percht über das Land fegen. Die Percht ist die wilde Göttin, auch die strahlend helle, leuchtend weisse genannt. Die Percht, wie sie im Allgäu genannt wird, wechselt ihre Namen von Region zu Region. Im Appenzell sind es die Klausen, die etwas später gegen Neujahr erscheinen. Weiter im Norden ist es Luzia, die Lichtvolle und natürlich die allseits bekannte Frau Holle.

Unsere Vorfahren glaubten, Frau Holle zieht mit den verstorbenen und ungeborenen Seelen über das Land. Den Zug der Frau Holle nahmen sie als den Wind, der über die Landschaft fegt, wahr. Das Bild der verstorbenen und ungeborenen Seelen erinnert uns an das vergangene und das ungeborene Potential. Frau Holle fordert uns auf, in ihren Schoss das Alte zu legen und aus ihrem Schoss das Neue zu empfangen. Ihre Winde beschenken unser Leben und unsere Seelenlandschaft mit Fruchtbarkeit. Unser innerer Raum wird für das Neue geöffnet und das Sonnenkind in uns geboren.

Hüterinnen des Sonnenkindes

Bewacht und gehütet wird das Sonnenkind an den Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil von den drei Nornen: Urd, Wyrd und Skuld. Sie sind Hüterinnen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und spinnen für jedes Lebewesen den Lebensfaden.

Auch in anderen Kulturen begegnen wir diesen drei Schicksalsgöttinen. In Indien ist es die weisse Göttin Sarasvati, die rote Göttin Lakshmi und die schwarze Göttin Kali. Sarasvati bringt das Neue in die Form, Lakshmi ist die Lebenskraft, durch die das Neue gelebt und gefeiert wird und Kali zerstört und verbrennt das Alte, so dass das Neue durch die Göttin Sarasvati wieder ins Leben gebracht werden kann. Die drei Schicksalsgöttinen sind ein Teil des Ganzen und können nicht unabhängig voneinander existieren. Das Leben findet Ausdruck in allen dreien.

Geburt des Lichtes

Die dunkle Jahreszeit wurde bei den Nordvölkern auch die “Nächte der Mütter” genannt, denn in dieser Zeit wird das Sonnenkind geboren. Aus dem Sonnenkind wurde dann später im Christentum das Christkind beziehungsweise die Christuskraft. Auch hier begegnen wir wieder einem Urbild, das uns schon immer begleitet hat und in unterschiedlichen Geschichten und verschiedenen Traditionen seinen Ausdruck findet. Der Urgedanke, ist jedoch immer der Gleiche. Das Licht in uns, in der Natur, welches in der Dunkelheit geboren wird.

Die Wintersonnenwende schenkt uns die Möglichkeit, dem eigenen Licht nachzusinnen: Spüre ich ein Licht in mir? Was verstehe ich unter meinem Licht? Wie fühlt es sich an, wenn ich mein inneres Licht gebäre? Was würde dieses Licht in den nächsten Jahreskreislauf, der vor mir liegt, hineinbringen und kann ich der Dunkelheit mit Freude und Neugierde begegnen? Denn nur in der Dunkelheit kann das Licht geboren werden.

Mit weiten Armen begrüßt uns Frau Holle und ruft uns zu: Nur zu! Tretet ein in die zauberhaften Tage der Wintersonnenwende!

///

Autorin: Dr. Patricia Vöge

Dieses Essay schrieb ich im Rahmen meines Wintersonnenwend Mini-Retreats im Gasthaus Avrona im Unterengadin Dezember 2025. 

Quellen:

Storl, Dr. Wolf-Dieter (2024). Die Magie der Sonnenwenden. GU Verlag: München. 

Tetzner, Reiner (2024). Germanische Göttersagen. Reclam: Ditzingen. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.