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Eine Ode an den November

Der November. Fluch oder Segen?

Die Dunkelheit klopft an die Tür und verkündet: Der November ist da. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Für viele Menschen ist es eine herausfordernde Zeit. Das Tageslicht schwindet mit jedem Tag, den wir uns der Wintersonnenwende nähern, und der schwere Mantel der Dunkelheit breitet sich über die Landschaft – und manch Gemüt – aus.

Die Winterdepression ist eine Form der Depression, die Menschen im Zusammenhang mit den dunklen Wintermonaten erleben. Aber auch für viele Menschen, die nicht die Kriterien einer Winterdepression erfüllen, kann die dunkle Jahreszeit eine Herausforderung sein.

Der Gang zu und von der Arbeit in der Dunkelheit, weniger Zeit, die draußen an der frischen Luft verbracht wird, das Leben, das sich nun zunehmend in die Innenräume verlagert und die Straßen trist und einsam erscheinen lässt – all dies sind Eigenschaften des Novembers, die schwer auf das Gemüt wirken können.

Der November und die Dunkelheit

Für viele liegt die Schwere in der Dunkelheit. Mit ihr verbinden wir Trauer, Abschied und Tod. Ihr Anblick kann etwas Dämpfendes und gleichzeitig Verschlingendes ausstrahlen. Wie ein schwarzes Loch zieht sie alles, was sich der Dunkelheit nähert, in ihren Sog. Auch unsere Gedanken und Gefühle können von ihrer Kraft ergriffen werden. Sind sie erst einmal von der Abwärtsspirale der Dunkelheit erfasst, führt für viele der Weg nach unten – in die Tiefe.

Nicht umsonst ist die Dunkelheit Nährstoff unserer Urängste und die Kulisse vieler Grusel- und Horrorgeschichten. Vielleicht haben wir genau durch diese „Vergruselung“ der Dunkelheit den Zugang zu ihr verloren. Wird uns doch schon früh eingebläut, dass das Dunkle gefährlich ist. Die Nacht und der dunkle Wald bergen Gefahren, die es zu vermeiden gilt.

Seelenbilder des Novembers

Zeit, dem schlechten Ruf der Dunkelheit zu trotzen und eine Ode an die dunkle Jahreszeit zu schreiben. Denn die Dunkelheit birgt einen großen Schatz. Sie schenkt uns eine nährende und schützende Qualität, die uns einlädt, innezuhalten und in die Ruhe zu kommen.

Oft assoziieren wir das Leben mit Licht und Farbe. Aber bevor das Leben in den Ausdruck kommt, braucht es den schützenden Raum der Dunkelheit. Vor allem braucht es den Rückzug, um für die großen Wachstumssprünge Lebenskraft zu bündeln und zu sammeln.

Bevor ein Samen zu einem Baum, einer Blume oder einem Strauch heranwuchs, lag er in völliger Ruhe in der dunklen Erde. Dort konnte er reifen und wachsen. War genug Lebenskraft gesammelt und gebündelt, konnte diese Kraft die Schale durchbrechen, und der Samen wuchs zu einem Keimling heran.

Auch wir durchlaufen diese Wachstumsphase in der Stille und im Schutz des Mutterleibs. Neun Monate verbringen wir in der dunklen, behüteten Hülle des Uterus. Bevor wir auf die Welt kommen, haben sich in dieser Hülle – oder auch Höhle – der Geborgenheit unsere wichtigsten Körperorgane, das Nervensystem, Knochen, Muskeln und Haut entwickelt, die unsere Basis für den Eintritt in das irdische Leben bilden. Es ist eine Zeit der Stille und der Ruhe, die den Schutz des dunklen Raums benötigt, um neues Leben entstehen lassen zu können.

Betrachten wir die Dunkelheit aus dieser Perspektive, so ist sie lebensnotwendig für neues Leben. Dieses entsteht aus der Dunkelheit, der Stille und der Ruhe heraus – ebenso wie das gelebte Leben durch den Tod auch wieder in die Dunkelheit hineintritt. Es ist der immerwährende Lebenskreislauf, der sich jedes Jahr aufs Neue vor unseren Augen in der Natur entfaltet.

Dieser Gedanke und dieses Seelenbild können uns in eine neue Verbindung mit dem November – und der dunklen Jahreszeit generell – bringen. Denn der November schenkt uns die Möglichkeit, innezuhalten und Raum für neues Leben in Form von Ideen, Visionen und Vorhaben für den kommenden Frühling zu schaffen. Jetzt ist die Zeit dafür!

Chancen und Möglichkeiten des Novembers

Der November ist der Monat, in dem sich das Leben und der Tod die Hand geben. Traditionell gedenken wir in dieser Zeit der Ahnen und der Toten, was sich in den kirchlichen Feiertagen Allerseelen und Totensonntag widerspiegelt. Doch diese Feiertage sind weit älter als die Kirche und haben ihren Ursprung in vorchristlicher Zeit.

Das Vergangene loslassen und verabschieden

Der November ist eine Zeit, in der uns die Natur den natürlichen Kreislauf des Lebens spiegelt und uns einlädt, das vergangene Jahr loszulassen und zu verabschieden. Traditionell werden in dieser Phase keine Kräuter gesammelt, und es wird still im Lande. In dieser Stille wird der Ahnen und Verstorbenen gedacht. Denn der Tod bringt Stille – sowohl bei uns Menschen als auch in der Natur.

Diese Stille ist eine wichtige Phase im Lebensprozess. Wenn etwas geht, dann braucht es einen Moment des Innehaltens, der Einkehr, der Besinnung, bevor das Neue entstehen kann. Für viele Menschen kann dieses Innehalten herausfordernd sein. Denn wir sind in einer Zwischenwelt: Das Alte ist gegangen, und das Neue ist noch nicht sichtbar. In dieser Phase sind wir angehalten, ins Lauschen, ins Nichtstun zu gehen.

Aus diesem Innehalten können wir zehren und Kraft schöpfen, auch wenn es zu Beginn schwierig und herausfordernd ist – ähnlich wie die ersten Momente einer Meditation oder, ein vielleicht noch stärkeres Beispiel, wenn ein lieber Mensch stirbt. Besonders dann ist die erste Phase ohne den lieben Menschen herausfordernd. Und doch ist diese Phase für einen gesunden Trauerprozess wichtig. Ihn zu übergehen oder gar zu betäuben und nach Schema F weiterzumachen, kann sogar schädlich für unsere Gesundheit sein.

Und genau in diesem Sinne lädt uns der November ein, mit Mut und Vertrauen in den Raum der Dunkelheit zu schreiten, dem Vergangenen zu gedenken, es loszulassen und den Raum zu öffnen. Wir öffnen den Raum für das Neue, das in der Form des Lichtes im Dezember wieder in unser Leben zu treten beginnt. Doch bis zum Hochfest der Wintersonnenwende, der längsten Nacht des Jahres, wenn die Dunkelheit das Licht küsst und die darauffolgenden Tage wieder länger werden, schreiten wir tiefer in heilsame Stille des Novembers.  

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