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Wie können wir mit emotionalem Schmerz umgehen?

Zeit für ein Herzsehen

Können wir mit dem Herzen gut sehen?

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ – das sind die bekannten Worte des kleinen Prinzen aus dem gleichnamigen Buch Der kleine Prinz von Saint-Exupéry. Wie geht es dir mit diesem Satz? Kannst du das Wesentliche der Dinge mit dem Herzen erkennen? 

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, lade ich dich ein, für einen Moment innezuhalten: Wie fühlt sich dein Körper an, wenn du emotionalen Schmerz wie Trauer oder den ganz normalen Wahnsinn des Alltagsstresses erlebst? In welchem Körperteil offenbaren sich dir diese Erlebnisse? Wo spürst du deinen emotionalen Schmerz?

Wenn ich im Rahmen meiner psychotherapeutischen Arbeit meinen Klientinnen und Klienten diese Frage stelle, bekomme ich in den meisten Fällen das Herz als Antwort. (Ein weiterer Favorit ist der Bauch. Dazu in einem anderen Artikel mehr.)

Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die Frage: Wenn wir unseren Schmerz im Herzen spüren, können wir dann mit dem Herzen gut sehen? Vernebelt der Schmerz nicht die Sicht auf unser Herz, beziehungsweise unser Herzsehen? Schliesst das eine das andere nicht aus? Daher können die Worte des kleinen Prinzen, dass sich mit dem Herzen gut sehen lasse, im ersten Augenblick irritieren. Jedenfalls ging es mir so. Denn was lässt sich mit dem Herzen gut sehen?! Auf wen oder was haben wir eine gute Sicht? In diesem Artikel gehe ich dieser Frage nach. Es geht darum, zu verstehen, was wir mit dem Herzen gut sehen und warum das Herzsehen für unsere seelische Gesundheit essentiell ist. 

Emotionaler Schmerz zeigt sich oft im Herzen

Wie oben erwähnt, manifestiert sich unser emotionaler Schmerz oftmals in unserem Herzen. Emotionaler Schmerz ist somit definitiv etwas, was wir mit dem Herzen gut sehen können. Dieser kann die Form von einem Stechen, Enge- und Druckgefühl annehmen (nicht zu verwechseln mit körperlich bedingten Herzschmerzen wie bei einem Herzinfarkt oder einer Angina, die unverzüglich medizinischer Betreuung bedarf!). Bei Stress steigt unsere Herzrate, was wir in der Form von Herzrasen und einem erhöhten Puls wahrnehmen. Nicht selten haben Menschen das Gefühl, dass der Herzschmerz sie schier zerreißt. Dieser Schmerz kann erst einmal in die Irre führen. Nichts mit einer guten Sicht! Das Einzige, was in solchen Momenten eben sichtbar erscheint, ist der emotionale Schmerz, der sich in unserem Herzen breitmacht. Aber eine gute Sicht auf etwas Wesentliches scheint nicht wirklich durchzudringen. Oder doch? Was passiert da? 

Emotionaler Schmerz ist real 

Das Herz reagiert nicht ohne Grund auf emotionalen Schmerz. Denn ebenso wie körperlicher Schmerz ist emotionaler Schmerz eine Realität. Wenn unser Herzraum aufgrund einer schwierigen Erfahrung schmerzt, werden Hirnareale ähnlich wie bei körperlichem Schmerz aktiviert (Das gilt für emotionalen Schmerz generell. Die Forscherin Prof. Dr. Naomi Eisenberger erforscht dieses Phänomen, besonders auf sozialen Schmerz bezogen. https://sanlab.psych.ucla.edu/overview/).

Daher ist die Macht und die Überwältigung, die emotionalem Schmerz innewohnt, nicht verwunderlich und eben auch, dass uns dieser starke Herzschmerz in die Irre führen kann. Doch ähnlich wie in Sagen, Mythen und Legenden liegt der Schatz oft in der Dunkelheit verborgen. Und was könnte dort, in den Tiefen des Herzens, liegen?

Alte Weisheitslehren und Traditionen können uns einen Hinweis auf diese Fragestellung geben. In diesen wird dem Herzen eine hohe Bedeutung auf dem Pfad der persönlichen und spirituellen Entwicklung zugesprochen. Das Herz wird als Sitz der Liebe und Weisheit, als eine Form von Kern oder Zentrum des Menschen gesehen. Im alten Ägypten wurde das Herz der Verstorbenen gegen die Feder der Göttin Maat auf eine Waage gelegt. Das Herz sollte leicht wie die Feder der Göttin Maat sein, die Gerechtigkeit, Harmonie und Ordnung symbolisierte.

Ein Herz, das sich leicht und frei anfühlt, ist der Wunsch vieler Menschen. Wir können uns vorstellen, dass diese Leichtigkeit unter dem Mantel des Schmerzes verborgen liegt und wir den Weg zu dieser Leichtigkeit ebnen können.

Es kann irritierend sein, wenn wir in einigen Situationen keinen Zugang zu dieser Leichtigkeit und Freiheit erfahren. Ist sie doch da! Ein Verständnis für die Natur des Herzens kann Licht auf dieses Phänomen werfen. 

Das Herz ist mehr als eine Pumpe

Auch wenn das Herz in unserem Breitengrad häufig auf eine Pumpe reduziert wird, die für die Blutversorgung des Körpers zuständig ist, erfüllt das Herz weit mehr Funktionen – so ist es auch ein bedeutendes Wahrnehmungsorgan. Dein Herz reagiert auf dein Denken, deine Gefühle und Emotionen, auch dein Handeln.

Das Herz ist sehr fein und sensible. Wir können uns das Herz in dieser Hinsicht als einen Spiegel unseres Innenlebens vorstellen. Greifen wir die Worte aus dem Buch der kleine Prinzen auf, kann das Herz unseren Seelenzustand gut sehen. Also das, was sich in unserer Seele abspielt. Unsere Gedanken und Gefühle können wir vor unserem Herzen nicht verstecken. Dafür dürfen wir dem Herzen sehr dankbar sein, denn unser Herz lässt uns wissen, was in unserem Seelenleben Aufmerksamkeit benötigt.

Das Herz spiegelt den Zustand unseres Innenlebens, unsere Gefühle und Gedanken wieder,  jedoch nicht zwingend die objektive und ultimative Realität. Vielmehr lädt dein Herz dich ein, dem Ursprung deiner Gedanken und Gefühle auf den Grund zu gehen. Beispielsweise kannst du in deinem Herzen empfinden, dass du dich nicht gesehen und gewürdigt fühlst. Das ist erst einmal eine subjektive Wahrnehmung. Auch wenn es im Aussen einen Auslöser für dieses Gefühl geben mag, vielleicht ein Vorgesetzter/eine Vorgesetzte, der dir gegenüber eine vermeintlich unberechtigte Kritik äussert, ist die fundamentalere Frage: kannst du dir die Wertschätzung geben, die du dir von deinem Umfeld wünschst?

Selbstverständlich brauchen wir eine Basis an Wertschätzung und Unterstützung. Kein Mensch ist eine Insel. Besonders bei Kindern ist dies der Fall. Je älter wir jedoch werden, desto wichtiger wird in erster Linie die Beziehung zu uns selbst. Daran führt kein Weg vorbei. Ultimativ geht es um die Verbindung zu uns selbst. Würdigst du dich? Erkennst du dich an?

„Das Herz ist ein Spiegel unserer Seele“

Herzschmerz und alte Wunde

Ein starker emotionaler Schmerz im Herzen, der dich schier zu zerreissen scheint, kann ein Hinweis für einen alten Schmerz, eine alte Verletzung sein. In der Schematherapie wird dies der verletzte Kindmodus genannt.

Ein schmerzendes Herz fordert dich auf, dem Schmerz zu begegnen. In der yogischen Philospohie wird Leid, auch emotionales Leid, Dukha genannt und es ist essentiell diesem zu begegnen. Wir brauchen einen Dialog mit dem Herzen, einen Herzdialog.

Verwirrung entsteht, wenn wir durch den Schmerz motiviert, in die Aktion springen und ohne in einen Herzdialog zu gehen. Was erst einmal utopisch und nach hoher spiritueller Kunst klingt, ist ein fester Bestandteil moderner Psychotherapie, in der es darum geht, dem eigenen emotionalen Schmerz zu begegnen und ihn kennenzulernen. Durch diese Einsicht können wir eine Differenzierungsfähigkeit entwickeln, die uns darin unterstützt, den eigenen Anteil in einer Situation zu erkennen. Werde ich wirklich fortwährend kritisiert oder blicke ich durch die Brille meines alten Schmerzes auf die Situation. In der Yogaphilosophie wird diese Fähigkeit Viveka genannt. Hier kommen wir dem guten Sehen mit dem Herzen näher.

Wir tauchen in die tiefere Schichten des Herzens ein. Die Schichten, die unter dem Vorhang des emotionalen Schmerzes liegen. Hier befinden wir uns in einer anderen Art des Sehens und Fühlens, die dem Kern des Herzens innewohnen.

In vedischen Schriften heisst es, unser Selbst gleiche der Grösse unsers Daumens und wohne dem Herzen inne. Mit Selbst ist der Anteil gemeint, der sich wohlwollend beobachtet und sich mit Liebe und Mitgefühl begegnet. Es ist die Schicht des Herzens, mit der wir uns durch das Yoga und die Meditation verbinden.

Der emotionale Schmerz, der sich um unser Herz legt, kann die Sicht auf den Kern des Herzens versperren. Mit Hilfe von Viveka, Differenzierungsfähigkeit, räumen wir den Weg frei, um den Kern des Herzens zu sehen. Wir erlangen Zugang zum Ursprung unseres Herzen und stellen dessen Urzustand her, aus dem Liebe und Mitgefühl hervorgehen.

Rein in den Herzdialog. Raus aus dem Schmerz. 

Der erste Schritt zu einem guten Herzsehen besteht darin, den emotionalen Schmerz im Herzen anzuerkennen und sich möglicher Auslöser gewahr zu werden. Doch wie sieht das ganz praktisch aus?

Das ABC Modell aus der kognitiven Verhaltenstherapie kann ein erster Schritt sein, um ein Bewusstsein für die Situation zu schaffen. 

A für Auslöser. Was ist der Auslöser für den emotionalen Schmerz in deinem Herzen? Das Feedback in einem Mitarbeitergespräch? Deine Freundin, die sich auf deine Nachricht noch nicht gemeldet hat? Eine Absage von einem potentiellen Arbeitgeber?

B für Bewertung. Was sind die ersten Gedanken, die dir in Bezug auf diese Situation durch den Kopf gehen? Immer ich? Ich bin eine Versagerin? Es ist mir peinlich? Nie kann ich mich auf andere verlassen! Es war schon immer so, seit ich denken kann.

C für Konsequenz (C weil es aus dem Englischen kommt). Wir reagiert in der Konsequenz dein Körper? Was fühlst du? Und was passiert auf der Verhaltensebene? Mein Herz schlägt schneller. Ich spüre einen Druck und eine Schwere in meinem Herzraum. Ich werde traurig und wütend, ziehe mich zurück, will mit niemanden reden. Vielleicht reagiere ich genervt auf meine Mitmenschen.

Diese Übung ist der Anfang für ein gutes Herzsehen. Achte bei der Übung auf Absolutismen wie „immer ich” und auf die Vergangenheit bezogene Sätze wie “das war schon immer so….”. Oftmals sind es Sätze wie diese, die den emotionalen Schmerz im Herzen befeuern.

Mit dem Herzen das Wesentliche sehen

Je besser wir uns dem emotionalen Schmerz, der sich um das Herz legt, gewahr werden, desto eher kann das Herz seine eigentliche Natur, das Wesentliche sehen. Wir dringen in den Kern des Herzens vor, aus dem das entspringt, was wir mit dem Herzen in der Regel in Verbindung bringen: Liebe, Mitgefühl, Herzenswärme.

Den Schmerz des Herzens zu sehen und seinen Ursprung besser zu verstehen, reicht alleine nicht aus. Ein schmerzendes Herz braucht Zuwendung. Wir können uns entscheiden, wohlwollender und liebevoller mit uns umzugehen, auch wenn wir Liebe und Wohlwollen nicht gleich auf der Gefühlsebene wahrnehmen.

Am Anfang war die Intention

Statt auf das Gefühl zu warten, setze bei deiner Intention an. Es reicht schon aus, dir innerlich zu sagen: ich entscheide mich, mich selbst zu lieben und anzunehmen. Ja, Ecken und Kante habe ich auch, doch ich werde lernen, mit diesen Ecken und Kanten umzugehen. Ich sehe sie, übernehme Verantwortung für sie und mache meine Selbstliebe und mein Selbstmitgefühl nicht von diesen Ecken und Kanten abhängig.

Die folgende Visualisierungsmeditation kann dich in diesem Schritt unterstützen und dein Herzsehen stärken: Wenn der emotionale Schmerz in deinem Herzens aktiviert ist, stelle dir vor, wie sich zwei wohlwollenden Hände um dein Herz legen, den Schmerz im Herzen wegschmelzen, dein Herz halten und wärmen.

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Zeit für ein Herzsehen

“Man sieht nur mit dem Herz gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”

Dein Herz schenkt uns tiefe Einblicke in unser Seelenleben. Das kann manchmal überwältigend sein. Durch ein Verständnis für die Sprache des Herzens, können wir mit Klarheit auf das Wesentliche blicken. Springen wir stattdessen in die Aktion, kann sich unser Leid und unsere Verwirrung verstärken. In den Worten des indischen Philosophen Krishnamurti: “Ich erkenne, dass jede Handlung, die aus der Verwirrung geboren wird, weitere Verwirrung mit sich bringt oder zu ihr hinführt.” (Wege aus dem Chaos, S. 26). Zeit für einen Herzdialog!

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